SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz & Co.: Zur Diagnose einer (schleichenden) Rückkehr der Sozialkritik – Folge des Wandels der kapitalistischen Organisation und Kontrolle von Arbeit?

Der französische Politiker Benoît Hamon (ehem. Bildungsminister unter Hollande im Kabinett Valls) wird in der „Sozialistischen Partei“ den Parteilinken zugeordnet. Er erhielt bei den Vorwahlen der Sozialisten 59% der Stimmen und setzte sich damit überrschend durch, sein Kontrahent Valls von den Parteirechten hingegen wurde mit deutlich weniger Stimmen „abgestraft“. Somit wird Benoît Hamon für die „Sozialisten“ ins Rennen um die Präsidentschaftswahl im April (/Mai) gehen.

Laut dem ARD-“Deutschlandtrend“ vom vergangenen Donnerstag kommt die SPD inzwischen auf 28 Prozent – das ist für die SPD nicht nur der beste Wert seit JAHREN, sondern binnen eines Monats ein geradezu unglaublicher Sprung von 8 %, der allein durch die Nominierung von Martin Schulz als Kanzlerkandidat und SPD-Parteichef ursächlich zurückgeht. Gemäß den aktuellen Umfragen ist er überdies als möglicher Bundeskanzler sogar deutlich beliebter als die amtierende Kanzlerin Merkel. Die Chancen einer rot-rot-grünen Bundesregierung steigen.

In seinen öffentlichen Auftritten plädiert Martin Schulz für „Steuergerechtigkeit“ und eine Politik für die „hart arbeitende Bevölkerung“. Und in einem aktuellen Interview mit dem Spiegel geht er auf den Schwerpunkt seines Wahlkampfes und damit der SPD ein: „soziale Gerechtigkeit“. Dazu sagt er:

Unternehmensgewinne und Bonuszahlungen haben ebenso zugenommen wie die Zahl prekärer Arbeitsverhätnisse. (…) Ganz sicher müssen wir bei der Besteuerung von großen Vermögen nachlegen.

Der Brexit und die Wahl Donald Trumps haben die politischen Eliten des Westens wachgerüttelt. Inzwischen identifizieren mitunter sogar einflussreiche „Player“ wie Davos/Weltwirtschaftsforum, IWF, Global Risk Report, G20, Parteiführungen, aber auch Wirtschaftsnobelpreisträger usf. die exzessive Spaltung zwischen Arm und Reich als größte Gefährdung für die Weltwirtschaft und soziale Kohäsion. Der disruptive Trump sowie der Aufstieg der Rechtsnationalen und EUropafeinde ist die geladene Pistole auf der Brust der Selbstzufriedenen. Die öffentliche Adressierung und Erinnerung an die klassische soziale Frage in modernen kapitalistischen Marktgesellschaften ist allererst existenzieller Selbstschutz, der bestenfalls mit einer Prise ethischer Sorge garniert wird. Wer die Pistole an der Brust spürt, hält sich zunächst mit herablassenden „white-trash“ Beschimpfungen und entsprechenden Äquivalenten zurück und wählt zum Eigenschutz eine andere Verteidigungsstrategie.

Die SPD entdeckt allmählich wieder die gesellschaftliche Realität, die auch mit postmoderner Ironie nicht weggedichtet werden kann; dafür brauchte es allerdings die reale Drohung der Wählerschaft, den Abwärtstrend zu befördern und die SPD gar unter die 20%-Marke zu verdammen. Nur deshalb wurde Martin Schulz nun zum SPD-Kanzlerkandidaten und SPD-Parteichef erkoren. Nur deshalb steht plötzlich „soziale Gerechtigkeit“ ganz prominent im Zentrum des Bundestagswahlkampfes 2017. Wer als SPDler links neben sich die Linkspartei und rechts neben sich die AfD als potenziell anziehende „schwarze Löcher“ hat, setzt alles daran, um selbst wieder an Masse hinzuzugewinnen.

Damit reihen sich die Sozialdemokraten indes in einen größeren Trend ein, der sich immer deutlicher abzuzeichnen beginnt: Die Rückkehr der sozialen Frage bzw. Sozialkritik, so bescheiden die Rufe danach bislang auch sein mögen. Wer nicht ganz sozialblind ist und die internationale Presse verfolgt, kann dies nicht übersehen. Dieser schleichende Trend ist wiederum nicht nur auf den Wahlkampf und die Politik begrenzt, sondern entsprechende Auseinandersetzungen finden auch in der Wissenschaft statt, wie es etwa der Kampf um die explanatorische Deutungshoheit bezüglich Brexit, Trump, AfD usw. zeigt. An dieser Stelle zitiere ich gerne auch den Soziologen Oliver Nachtwey, der mit seinem preisgekrönten „Die Abstiegsgesellschaft“ eine starke Gesellschaftsdiagnose geschrieben hat (und an dessen Uniseminaren ich auch mal teilgenommen habe): „Trump wird zum Geburtshelfer einer neuen Linken in den USA.“

Interessant ist dabei vor allem der Wandel in der Gesellschaftskritik, der scheinbar mehr oder weniger parallel zu den größeren Wirtschaftsentwicklungen verläuft. Startete einst mit der kapitalistischen Industrialisierung und dessen sozialen Verwerfungen die klassische Sozialkritik, wurde sie im Laufe der kapitalistischen Entwicklung allmählich von den Forderungen nach Selbstverwirklichung und einer „Humanisierung der Arbeit“ abgelöst. So, wie auf dem Boden des Fordismus die „Künstlerkritik“ wuchs, kehrt nun auf dem neoliberalen Boden des finanzgetriebenen Akkumulationsregimes die klassische Sozialkritik zurück. Mit leichtfüßigem, idealtypisierendem Schematismus könnten die Veränderung im Produktionsprozess in den kapitalistischen Zentren wie folgt skizziert werden:

Fordismus: Zunächst in den USA entstehende und seit dem zweiten Weltkrieg sich ausbreitende standardisierte, industrielle Massenproduktion mit tayloristischer Betriebsorganisation. Zur Erinnerung: Taylor war Autor der „Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung“ (Scientific Management) und „Gründer“ von entsprechenden Rationalisierungstechniken im Betrieb. Im Zentrum steht die Frage nach der Transformation von Arbeitskraft in tatsächliche Arbeit und die Steigerung der Produktionseffektivität. Es ging demnach um die wissenschaftliche Bearbeitung des „Problems“ der zweckrationalen Organisation und Kontrolle des Arbeitsprozesses. Zentrale Erkenntnisse und umgesetzte Rationalisierungsmaßnahmen: dequalifizierender Technikeinsatz in der Fließbandarbeit und Zergliederung des Arbeitsprozesses in kurze, monoton-repetitive Arbeitsschritte, sodass die Arbeitsproduktivität steigt und die Lohnkosten sinken, wobei eine strikte Trennung von planender und ausführender Arbeit besteht und eine hierarchische, direkte Kontrolle herrscht. Einerseits ging damit eine Dequalifizierung der Arbeitskraft einher, andererseits bestanden aber auch starke tarifliche Regulierungen, man verzeichnete höhere Löhne und die Kaufkraft der „kleinen Leute“ stieg, sodass die Massenproduktion auch auf den nötigen Massenkonsum treffen konnte. Arbeit und Freizeit waren getrennt, Normalarbeitsverhältnisse waren Standard, der Wohlfahrtsstaat wurde ausgebaut und die Ware Arbeitskraft dekommodifiziert, sodass man insgesamt von einer Abstimmung zwischen wachsender Arbeitsproduktivität und steigenden Reallöhnen sowie letztlich von inklusiver „Prosperität“ in der Zeit der fordistischen Massenproduktion und des entsprechenden Massenkonsums sprechen kann. Ab Ende der 1960er nahmen die Produktivitätszuwächse und Profitabilität des Kapitals allerdings ab, der Druck durch die zunehmende Internationalisierung des Kapitals und der Märkte hingegen nahm zu.

Die Künstlerkritik, Forderungen nach Autonomie und Selbstverwirklichung in der Arbeitswelt, Forderungen nach einer (re-)qualifizierenden „Humanisierung der Arbeit“ wurden immer lauter.

Ab Ende 1970er/Anfang 80er (zeitlich auch der Beginn der neoliberalen Politik, Thatcher & Reagan) wurde unter dem sich abzeichnenden finanzgetriebenen Akkumulationsregime die fordistische Akkumulationsschwäche in der industiellen Produktion revitalisiert durch Abbau von Handelsbarrieren und Entstaatlichung einerseits sowie Dezentralisierung, Externalisierung und Flexibilisierung andererseits: Abkehr von der fordistisch-tayloristischen Arbeitsorganisation und entsprechendem Management, d.h. Abkehr von technischer, direkter Kontrolle & Co. Nun gilt, auch mit Blick auf den japanischen Toyotismus als Vorbild: Diversifizierung, lean production, just-in-time Produktion; arbeitskraftorientierte Rationalisierung, d.h. Wandel der Organisation und Kontrolle der Arbeit, wobei Ressourcen des Lohnarbeitssubjekts mobilisiert werden, die zuvor unberührt geblieben sind: Enthierarchisierung, Delegation der Verantwortung an die Beschäftigten, kooperative Führung, neue Handlungsspielräume für die Beschäftigten durch dezentralisierte Gruppen- und Projektarbeit, durch Job-Enrichment und Job-Rotation usf. Im Zuge solch einer integrativen Arbeitsorganisation sind Unternehmen zunehmend von der Qualifikation und Identifikation der Arbeitskräfte abhängig. Zur Lösung des betrieblichen Transformationsproblems (wie wandelt man vertraglich zugesagte Arbeitskraft in tatsächliche Arbeit um?): Unternehmerische Kontrolle qua Selbstkontrolle der Beschäftigten, d.h. indirekte Steuerung als „Autonomiegewinn“ und zugleich Mittel der Effektivierung und Intensivierung der Arbeit, sodass die Beschäftigten ihr Arbeitsvermögen besser in den Arbeitsprozess einbringen, das heißt die gewisse Unbestimmtheit als Organisationsprinzip geht einher mit der Selbstorganisation der Arbeitnehmer. In diesem Sinne gilt der Appell an die Eigenverantwortung und intrinsische Motivation, innovative Kräfte werden gefördert, Marktimperative internalisiert und ein bürgerlicher Habitus ausgebildet. Die Qualität der Arbeit wird durch die Aktivierung vielfältiger Kompetenzen gesteigert, mehr Verantwortung auf Seiten der Arbeitnehmer (ein-)gefordert, Selbststeuerungspotenziale aktiviert, sodass die Flexibilisierung (Ort, Zeit, Form) der Arbeitsverhältnisse insgesamt ein Spannungsfeld zwischen Autonomiegewinn einerseits und Instrumentalisierung von Arbeitskräftressourcen im Modus einer neuen, indirekten Herrschaftsform andererseits eröffnet. Kurzum: Die Ware Arbeitskraft wird rekommodifiziert. So kullern aus dem Mund der heutigen Personalmanager gut gemeinte Sätze wie: „Der Unternehmenserfolg hängt von der Freude der Mitarbeiter ab. Der Mitarbeiter soll sich mit unserem Unternehmen identifizieren, mit Leib und Seele dabei sein, innovativ und eigenverantwortlich arbeiten.“ Parallel dazu werden sozialstaatliche Regulierungen abgebaut, Normalarbeitsverhältnisse sind auf dem Rückzug, atypische und prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, die Reallohnentwicklung vieler Beschäftigter stagniert und Lebensverhältnisse werden prekarisiert.

Dies alles führt offenbar zur (schleichenden) Rückkehr der Sozialkritik.

Boltanskis und Chiapellos pragmatistische Grundannahmen in ihrem äußerst einflussreichen Werk „Der neue Geist des Kapitalismus“ muss man nicht teilen, um diesen Wandel der Kritik und ihre paradoxale Inkorporation in die je historische Ausprägung der kapitalistischen Produktionsweise diagnostizieren zu können. Und dass Google & Co. weiterhin mit Spaß, Tischkicker und Süßigkeitenregalen die benötigten Arbeitskräfte motivieren, ändert an diesem Sachverhalt nichts.

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/vorwahlsieg-von-hamon-macht-sozialisten-sprachlos-14796339.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/sonntagsfrage-spd-behaelt-den-schulz-effekt-14825375.html

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/martin-schulz-es-geht-in-diesem-staat-nicht-gerecht-zu-a-1133014.html

http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/608.das-globale-finanzgetriebene-akkumulationsregime.html

Eine Auswahl meiner verwandten Beiträge zu diesem Thema:

https://danielfehrmann.wordpress.com/2017/01/02/das-silicon-valley-und-der-trump-in-uns-wer-an-armut-erstickt-ist-selber-schuld/

https://danielfehrmann.wordpress.com/2017/01/18/eine-funktionale-justierung-der-globalen-marktwirtschaft-die-g20-wirtschaftsnobelpreistraeger-und-der-global-risks-report-2017-des-weltwirtschaftsforum-singen-im-bemerkenswerten-chor-das-groess/

https://danielfehrmann.wordpress.com/2017/01/10/und-ihr-dachtet-schon-allein-die-einkommensverteilung-sei-problematisch-consider-this-der-world-wealth-report-2016-oder-wenn-man-die-andere-klasse-nur-noch-in-der-manier-eines-zoobesuchs-zu-gesic/

https://danielfehrmann.wordpress.com/2017/01/09/fat-cat-wednesday/

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