Die Gnade der richtigen Geburt: Die „Quandts“ unserer Welt.

Im Folgenden sei stellvertretend ein Beispiel aus Deutschland angeführt, von denen es allzu viele gibt: Die „Familie Quandt

Wir alle haben schon von der Familie Quandt gehört. Es ist die reichste Familie Deutschlands (Vermögen: mindestens 31 Milliarden Euro); genau genommen spricht man inzwischen nur noch von den beiden Kindern Susanne Klatten und Stefan Quandt, nachdem 2015 die Mutter Johanna Quandt gestorben ist. Das heißt, im Grunde genommen bilden zwei Personen die reichste öffentlichkeitsscheue Familie Deutschlands – wobei die wohlkalkulierte Öffentlichkeitsscheu nebenbei bemerkt auch ein Grund dafür ist, dass in den Armuts- und Reichtumsberichten der Bundesregierung so relativ wenig über Reichtum gesprochen wird. Gemessen an den Stammaktien gehört den beiden jedenfalls zu 46,7% der DAX-Konzern BMW AG (nebst Altana, SGL Carbon, Nordex, BHF-Bank, VARTA AG und „eine Reihe weiterer Beteiligungen“).

Nachdem die Mutter Johanna Quandt ihr Startkapital erbte, vererbte sie später ihr darauf aufgebautes akkumuliertes Vermögen an ihre beiden Kinder Susanne Klatten und Stefan Quandt weiter. So schenkte sie 2003 und 2008 „steuersparend“ ihre BMW-Unternehmensanteile/Aktien (16,40%) ihren beiden erbglücklichen Kindern Susanne Klatten (12,75%) und Stefan Quandt (17,64%), denen somit nunmehr zu zweit fast der halbe DAX-Konzern gehört (46,7%). Und da der exklusiven Kleinfamilie infolge von Erbschaften nahezu der halbe Laden gehört, hat sie in den vergangenen Jahren zum Beispiel 700 Millionen Euro (2013), 731 Millionen Euro (2014) und 815 Millionen Euro (2015) allein an Dividenden kassiert (2014: 2,60 Euro pro Aktie). Kurzum: Die beiden noch lebenden BMW-Großaktionäre aus der Quandt-Dynastie schneiden sich nicht nur rechtlich abgesichert und politisch unterstützt jedes Jahr ein relativ großes Stück vom gesellschaftlich produzierten Reichtum ab; sondern aufgrund ihrer Aktienanteile kommt hinzu, „dass die Quandts bei BMW das Sagen haben: Bei allen strategischen Entscheidungen – Fusionen, Verkäufe, Besetzung des Vorstands – haben sie das letzte Wort.“ Und die Kinder von Susanne Klatten und Stefan Quandt wiederum dürften sich auf ihr zukünftiges, noch größeres Erbe freuen. Und deren Kinder wiederum… usw. Zumal nicht davon auszugehen ist, dass in Deutschland die Erbschaftsregelungen substanziell geändert werden.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/quandt-clan-wer-sind-die-bmw-erben-und-woher-kommt-ihr-reichtum-a-1046996.html

Übrigens weist auch der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung darauf hin, dass Reichtum in der Regel nicht über Erwerbseinkommen generiert wird, sondern mittels Vermögen. Und ganz oben stehen die reichsten Familiendynastien bzw. Eigentümer der größten Unternehmen Deutschlands, die ihre Eigentumsanteile bzw. den jeweiligen Laden einfach an ihre Kinder vererben.

Sicherlich, der Vorstandsvorsitzende von BMW, Harald Krüger, erhielt 2015 eine Vergütung in Höhe von 6,26 Millionen Euro; somit gehört er infolge seiner Mittelposition als Lohnbeschäftigter sowie Teileigentümer (Erik Olin Wright analysiert solche intermediären Klassenpositionen innerhalb des fundamentalen Klassengegensatzes von Kapital/Arbeit als „contradictory class location“) zu den „Reichen“ in Deutschland. Verglichen mit dem Reichtum der „eigentlichen“ Eigentümer (u.a. die beiden genannten erbglücklichen Quandt-Kinder als Großaktionäre mit einem gewaltigen 46,7% Aktienanteil) sind das jedoch relativ gesehen „Peanuts“, zumal allein die Dividenden der beiden Quandt-Kinder im Jahr 2015 die Vergütung des BMW-Vorstandsvorsitzenden Harald Krüger um mindestens das 127-fache übertroffen haben. Zudem erinnern wir uns (siehe einen meiner vorherigen Beiträge zur Einkommensverteilung in Deutschland): die durchschnittliche Vergütung des durchschnittlichen DAX-Chefs, wie etwa Harald Krüger (der jedoch real überdurchschnittlich verdient), entspricht wiederum inzwischen mindestens dem 54-fachen des durchschnittlichen Arbeitnehmers in einem DAX-Konzern.

Kurzum: Die jährlichen Eigentümer-Dividenden der beiden Quandt-Kinder übertreffen die Vergütung des BMW-Chefs Harald Krüger um mindestens das 127-fache, wobei der durchschnittliche DAX-„Harald Krüger“ wiederum mindestens das 54-fache des durchschnittlichen Arbeitnehmers eines DAX-Konzerns verdient (in Realdaten dürfte im Falle von BMW das Verhältnis zwischen dem realen Harald Krüger und seinen realen Fußsoldaten eher mindestens 1:80 sein, eher Richtung 1:90). Die Kurzform dieser Relation sieht wie folgt aus: 1 (durchschnittlicher Arbeitnehmer) -> x 54 (bei BMW real mind.: x 80-90) -> x 127 (Quandt-Kinder als BMW-Eigentümer/Großaktionäre). So wird der gesellschaftlich produzierte Kuchen aufgeteilt.

[PS, 21.03.2017: Von Jahr zu Jahr steigt der Gewinn und damit die Eigentümerdividenden. Dieses Jahr erhalten die beiden Geschwister Stefan Quandt und Susanne Klatten Dividenden in der Rekordhöhe von über 1 Milliarde Euro. Damit erhalten sie als erbglückliche Haupteigentümer von BMW aufgrund ihres Stammaktienanteils in Höhe von 46,7% fast die Hälfte des gesamten Gewinns des börsennotierten Autokonzerns. Das Gehalt des BMW-Vorstandsvorsitzenden/CEO Harald Krüger ist im Vergleich dazu „peanuts“, ganz zu schweigen vom Lohn des durchschnittlichen Beschäftigten. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/autokonzern-verdient-gut-bmw-schuettet-eine-milliarde-euro-an-die-quandts-aus-14935810.html%5D

Das ist ein stellvertretendes Beispiel dafür, warum es auf Grundlage zweckrationaler Kalkulationen handfeste und wirkmächtige Interessen* gibt, die das Thema der Erbschaften gar nicht erst auf die Agenda der bestimmenden politischen Parteien kommen lassen möchten und am liebsten gänzlich der Wahrnehmung der Öffentlichkeit entziehen würden. Und wenn es mal öffentlich thematisiert wird, wird es oftmals so dargestellt, als ginge es bei Erbschaften in erster Linie um den „kleinen Mittelstand“ oder gar den kleinen Metzgereiinhaber, der bedroht wäre und damit auch der „Wirtschaftsstandord Deutschland“ – diese Verzerrung und Augenwischerei dürfte mitunter der größte Coup ebendieser genannten, wohlkalkulierten Interessen sein.

*Allen voran die politisch wirkmächtige „Stiftung Familienunternehmen„, die offenbar von Deutschlands schwerreichen Großunternehmerfamiliendynastien geleitet wird und praktischerweise ihren Sitz „in Bestlage zwischen Bundestag und Brandenburger Tor“ hat:

Ein genauer Blick in das 33-köpfige Kuratorium der Stiftung gibt einige Hinweise auf das „Klientel“ des Lobbyvereins. Hier sitzt kaum ein Vertreter eines mittelständischen Unternehmens. Stattdessen tummeln sich hier Superreiche wie Johannes Kärcher (Alfred Kärcher), Edwin Kohl (Kohlpharma) oder Nicola Leibinger-Kammüller (Trumpf). Weitere Kuratoriumsmitglieder sind Vertreter und Vertreterinnen von Großunternehmen wie Haniel, Henkel oder Theo Müller („Müllermilch“), deren Eigentümer-Familien Haniel, Henkel und Müller selbst zu den reichsten Deutschen zählen. Auch zur BMW-Erbenfamilie Quandt, der reichsten Familie Deutschlands, gibt es eine Verbindung: Kuratoriumsmitglied Wilhelm Freiherr von Haller ist Mitglied im Aufsichtsrat des HQ (Harald Quandt) Trust. Dieser befindet sich im Besitz der Familie Harald Quandt und bietet unter dem Motto „Nur Vermögen ist zu wenig“ Vermögensverwaltung für Superreiche an.

https://www.lobbycontrol.de/2016/09/erbschaftssteuer-wer-sind-die-lobbyisten-der-reichen/

Sehen wir einmal von der grundsätzlichen Frage der Legitimation von Erbschaften überhaupt ab, so soll an dieser Stelle der Elitenforscher Michael Hartmann zitiert werden:

(…) gestehen mit der Materie und der Klientel vertraute Wirtschaftsanwälte unter vier Augen zu, dass 15 Prozent Erbschaftsteuer für so gut wie alle betroffenen Unternehmen zu verkraften wären. Angesichts der hohen Freibeträge für Erben kleiner und mittelgroßer Firmen wäre meines Erachtens auch eine mit anderen Erbschaftsfällen vergleichbare Belastung von bis zu 30 Prozent für Firmenerben durchaus zu tragen – wenn nötig, gestundet und über einige Jahre gestreckt.

Last but not least: Sogar das Aushängeschild des politischen Liberalismus John Rawls – den Christian Lindner (FDP) ulkigerweise als seinen geistigen Vater in Anspruch nimmt – wäre für die gegenwärtigen Verhältnisse im Grunde genommen eine gewaltige Disruption, sofern die gegenwärtige Form der Marktgesellschaft in eine „property-owning democracy“ (eine Art Marktgesellschaft von Aktieninhabern, in der die „economic assets“ „breitflächig“ verteilt sind und u.a. solche Erbschaften ausgeschlossen wären, wobei jedoch die Rechtsinstitution des Privateigentums an Produktionsmitteln nach wie vor gegeben wäre) transformiert würde, wie es der liberale Rawls etwa in der letzten Version seiner Gerechtigkeitstheorie „Justice as Fairness“ präferiert.

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