bringing class back into political debate: Didier Eribon und eine kluge Analyse von Joan C. Williams im Harvard Business Review.

Joan C. Williams ist eine in den USA recht prominente, feministische Juraprofessorin an der University of California. Sie hat im Harvard Business Review eine zielgerichtete und hilfreiche Analyse zur Wahl Trumps geschrieben, die, so sehe ich es jedenfalls, doch zumindest in die richtige Richtung weist. Im Folgenden einige Zitate aus ihrem relativ kurzen und lesenswerten Artikel „What So Many People Don’t Get About the U.S. Working Class„:

For months, the only thing that’s surprised me about Donald Trump is my friends’ astonishment at his success. What’s driving it is the class culture gap. (…) Class trumps gender, and it’s driving American politics. (…) WWC [white working class] men aren’t interested in working at McDonald’s for $15 per hour instead of $9.50. What they want is what my father-in-law had: steady, stable, full-time jobs that deliver a solid middle-class life to the 75% of Americans who don’t have a college degree. Trump promises that. I doubt he’ll deliver, but at least he understands what they need. (…) The best advice I’ve seen so far for Democrats is the recommendation that hipsters move to Iowa. Class conflict now closely tracks the urban-rural divide. Democrats? They remain obsessed with cultural issues. I fully understand why transgender bathrooms are important, but I also understand why progressives’ obsession with prioritizing cultural issues infuriates many Americans whose chief concerns are economic. Back when blue-collar voters used to be solidly Democratic (1930–1970), good jobs were at the core of the progressive agenda. (…) Economic resentment has fueled racial anxiety that, in some Trump supporters (and Trump himself), bleeds into open racism. But to write off WWC anger as nothing more than racism is intellectual comfort food, and it is dangerous. (…) For elites to write them off as racists is a telling example of how, although race- and sex-based insults are no longer acceptable in polite society, class-based insults still are. (…) Saying this is so unpopular that I risk making myself a pariah among my friends on the left coast. But the biggest risk today for me and other Americans is continued class cluelessness. If we don’t take steps to bridge the class culture gap, when Trump proves unable to bring steel back to Youngstown, Ohio, the consequences could turn dangerous.

https://hbr.org/2016/11/what-so-many-people-dont-get-about-the-u-s-working-class

Wenn das irgendwie an meine früheren Beiträge erinnert bzw. wie eine Wiederholung klingt, dann kann ich diesen Verdacht nur bestätigen (davon mal abgesehen, dass die Autorin sich mit Blick auf die USA allererst auf die „Mittelschicht“ bezieht).

Überdies lässt sich zwischen den Konflikten, die Williams Beitrag mit Blick auf die USA identifiziert, auf der einen Seite und dem Aufstieg der Populisten/Rechtsnationalen in EUropa bzw. dem relevanten Teil der heutigen AfD-Wähler auf der anderen Seite eine gewisse Parallele ziehen – so vergleiche man die Sozialstruktur der Wählerschaft bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz: dort wählten Arbeiter und Arbeitslose doppelt so häufig die AfD wie der Durchschnitt der Wählerschaft, in BW waren gar Gewerkschaftsmitglieder überdurchschnittlich oft mit von der Partie.

Der klassische Adressat der Linken rennt in die umsorgenden Arme der Reaktionären und Rechtsnationalen der AfD; in Deutschland hatten wir das ja schon einmal in den 30ern des vergangenen Jahrhunderts. Den stärksten Wählerverlust an die AfD verzeichnet dabei die Linkspartei. Das ist im Übrigen auch der Grund, warum Wagenknecht der Meinung ist, dass man dieses potenzielle Wählerklientel wieder an sich binden müsse und es nicht fallen lassen sollte. Diejenigen wiederum, die in ihrem Herzen und Denken tatsachlich tief verwurzelt sind im reaktionär/konservativ-rechten Millieu, kann man nicht gewinnen, aber um die geht es auch gar nicht, an die wenden sich Wagenknecht & Co. nicht.

Der junge Redenschreiber („Senior Policy Advisor“) von Donald Trump, Stephen Miller, wurde und wird unter den Trump-Wählern gefeiert. Selbstverständlich konform mit Trumps zentraler Wahlkampfstrategie, ist der zentrale Adressat seiner Reden die „working class people„, die nicht mehr „gewinnen“ würden, sondern nur noch ihre Jobs verlieren oder zumindest in ihren Löhnen seit Jahrzenten bestenfalls stagnieren. Und genau diese Botschaft ist das Fundament für darauf aufbauende diskriminierende Hetze gegen „China“, „illegale Immigranten“ & Co (das Gleiche betrifft bekanntlich polnische Einwanderer in manchen Regionen Englands). Die verbalen Ausfälle der Rechtspopulisten sind stets rückgebunden an das starke Signalwort „losing jobs“, bei dem die betroffenen Wählerschichten sofort aufhorchen. Dies war übrigens nicht nur der rechtfertigende Hintergrund von Trumps Wahlslogan „America first“, sondern laut seiner aufpeitschenden Rede zur Vereidigung als 45. Präsident der USA ist dieser Slogan nun auch der offizielle Kompass seiner „unberechenbaren“ Präsidentschaft. Wer genau letztlich „America“ sein wird, wird sich indes noch herausstellen. Die offiziellen Besetzungen der wichtigsten Kabinettsposten sprechen vorauseilend für sich. Immerhin das sozialdemokratische Aushängeschild Bernie Sanders scheint das verstanden zu haben. Ob das auch der Rest der Demokraten bzw. „Progressiven“ versteht?

An dieser Stelle sei auch passenderweise der ausgezeichnete und nachdenkliche Beitrag „Wie aus Linken Rechte werden. Der vermeidbare Aufstieg des Front National“ (bzw. „Rückkehr nach Reims“, Suhrkamp Verlag) von Didier Eribon empfohlen, der seit einigen Monaten oft zitiert und besprochen wird (zumindest stolpere ich immer wieder darüber):

In meiner Kindheit ist meine gesamte Familie „kommunistisch“ gewesen, und zwar in dem Sinn, dass die Bindung an die Kommunistische Partei als eine Art politisches Ordnungsprinzip den Horizont des Verhältnisses zur Politik überhaupt bestimmte. Wie aber konnte es dazu kommen, dass man in derselben Familie wenig später rechte oder rechtsextreme Parteien wählte und dies sogar manchmal als die „natürliche“ Wahl empfand? (…) Was aus der politischen Repräsentation und den kritischen Diskursen verschwand, war nicht nur die Arbeiterbewegung mit ihren Kämpfen und Traditionen, es waren die Arbeiter selbst, ihre Kultur, ihre spezifischen Lebensbedingungen, ihre Hoffnungen und Wünsche. (…) Nicht mehr von Ausbeutung und Widerstand war die Rede, sondern von „notwendigen Reformen“ und einer „Umgestaltung“ der Gesellschaft. Nicht mehr von Klassenverhältnissen oder sozialem Schicksal, sondern von „Zusammenleben“ und „Eigenverantwortung“. Die Idee der Unterdrückung, einer strukturierenden Polarität zwischen Herrschenden und Beherrschten, verschwand aus dem Diskurs der offiziellen Linken und wurde durch die neutralisierende Vorstellung des „Gesellschaftsvertrags“ ersetzt, in dessen Rahmen „gleichberechtigte“ Individuen (gleich? was für ein obszöner Witz) auf die Artikulation von Partikularinteressen zu verzichten (das heißt zu schweigen und sich von den Regierenden nach deren Gusto regieren zu lassen) hätten. (…) Das Beschwören des „autonomen Subjekts“ und die damit einhergehende Verabschiedung aller Überlegungen, die von der determinierenden Kraft historischer und sozialer Gegebenheiten ausgehen, zielten darauf, die Idee, es gäbe so etwas wie soziale Gruppen („Klassen“), ein für alle Mal zu entsorgen. (…) Das war der Grund, weshalb sich im Rahmen einer wie von selbst ablaufenden Neuverteilung der politischen Karten große Teile der Unterprivilegierten jener Partei zuwandten, die sich nunmehr als einzige um sie zu kümmern schien und die zumindest einen Diskurs anbot, der versuchte, ihrer Lebensrealität wieder einen Sinn zu verleihen.

https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/august/wie-aus-linken-rechte-werden

Dazu passt zudem eine persönliche Anekdote meinerseits: Vor einiger Zeit stand ich mal mit Kommilitonen nach einer Sitzung vor dem Seminarraum, wir sprachen noch ein wenig über die vorangegangene Diskussion. Es war erstaunlich und zugleich irritierend bedenklich, dass selbst „Frankfurter“, die sich in einer „kritischen“ Wissenschaftstradition wähnen, mehr oder weniger überzeugt und dabei auch noch leicht süffisant behaupteten, dass „Klasse“ doch ein überholtes Konzept sei. Mir ist klar, dass die Diskussion um den Status und Stellenwert von sozialen Klassen kontrovers ist. Allerdings ist mir angesichts der gesellschaftlichen Realität schleierhaft, wie man ernsthaft meinen kann, die Rede von Klassen gänzlich aus dem Vokabular „kritischer“ Wissenschaft oder „emanzipatorischer“ Politik streichen zu können.

Gerne instrumentalisiere ich an dieser Stelle Adorno (Minima Moralia, 124/Vexierbild):

Allgemein zeigt die subjektive Klassenzugehörigkeit eine Mobilität, welche die Starrheit der ökonomischen Ordnung selber vergessen macht (…), in [der] keiner, kaum die obersten Spitzen, sich sicher fühlen darf: die Egalität des Bedrohtseins. (…) Soziologen aber sehen der grimmigen Scherzfrage sich gegenüber: Wo ist das Proletariat?

Eine konstruktive Antwort, die Hegelmarxisten wiederum hyperventilieren lassen dürfte, gibt „Understanding Class“ (2015) sowie andere sehr lesenswerte Aufsätze des analytischen Marxisten Erik Olin Wright, dessen wissenschaftliche Arbeit durch Klarheit, Präzision und Denkstärke hervorsticht. Wright ist ein brillanter, außergewöhnlich redlicher Wissenschaftler, der in Harvard, Oxford, and Berkeley wissenschaftlich sozialisiert und ausgebildet wurde und bereits seit über 35 Jahren an der University of Wisconsin-Madison lehrt und forscht. Er war Gründungsmitglied der „Non-Bullshit Marxism„-Gruppe und wurde im Jahr 2012 zum Präsidenten der American Sociological Association gewählt. Seine neomarxistische Klassentheorie bringt er mit weberianischen Klassenanalysen in einen konstruktiven Dialog*. Wrights Arbeiten gehören für mich mit zum Besten, das ich bis dato in den Gesellschaftswissenschaften gelesen habe. Und der Typ lebt auch noch. Nun aber genug der Lobhudelei. Konform mit seinem egalitären Ethos stellt Erik Olin Wright viele seiner Arbeitsmaterialien (Texte, Syllabi, Videos, Vorlesungs- und Vortragsmitschnitte…) kostenfrei online zur Verfügung: https://www.ssc.wisc.edu/~wright/

* Dazu passen noch Einsichten des französischen Sozialtheoretikers Bourdieu. Zur Illustration eine bezeichnende, aber auch nette Anekdote: Viel ist zu seiner Theorie des Habitus geschrieben worden. Wenig aber darüber, dass er, der inmitten der extrem (bildungs)selektiven Gesellschaft Frankreichs in einfachen Familienverhältnissen (Vater Postangestellter, Mutter Hausfrau) aufgewachsen ist, bei Vorträgen vor wissenschaftlichen Fachkollegen stets wie „ein Schwein“ (Zitat eines alten Soziologieprofessors in Frankfurt) geschwitzt haben soll, weshalb er immer auch ein Stofftaschentuch zum Trocknen bei sich gehabt haben soll. Und dies, obwohl er längst zur anerkannten „Elite“ der französischen Wissenschaft zählte und als ernstzunehmender Intellektueller galt. In diesem Sinne war er in gewisser Hinsicht die augenscheinliche Verkörperung seiner eigenen Theorie.

Wie dem auch sei, womöglich sind gut gemeinte Appelle an den „tugendhaften Bürger“ im liberalen Korsett (so z.B. der amtierende Bundespräsident Gauck in seiner letzten Rede, die die F.A.Z. jauchzend zur  best practice einer „staatsbürgerlichen Lehrstunde“ stilisierte) einfach zu kurz gegriffen. Vielleicht reichen verbesserte Bildungschancen und bürgerliche Formen des Anstands nicht aus. Vielleicht reichen gut gemeinte, experimentelle Mikrointerventionen der heutigen Zeit wie etwa Bildungsgutscheine, Erhöhung des Mindestlohns um 34 Cent, Transgendertoiletten & Co. nicht aus. Ja, vielleicht gehören die aktuellen sozialdemokratischen Kompensationen doch eher in das Reich von Sandmännchen-Interventionen und anderer Appeasement-Strategien, wenn es darum geht, die Übel kapitalistischer Märkte und dadurch hervorgerufenen politischen Defizite realexistierender Demokratien letztlich zu eliminieren. Vielleicht geht es zusätzlich und allen voran auch um signifikante Änderungen in den Bedingungen, wie unser Wohlstand produziert wird, um die Verteilung der „economic assets“. Vielleicht ist ja vielmehr die fundamentale Klassentrennung in kapitalistisch dominierten Marktgesellschaften das Problem. Wiederum ist das ganz gewiss eine Debatte, die schon seit mehr als einem Jahrhundert andauert* und auch in Frankfurt (in)direkt nach wie vor kenntnisreich und klug ausgefochten wird (vgl. die Beiträge der beiden Sozialphilosophen Axel Honneth und dessen ehem. Mittelbau Daniel Loick in der aktuellen Ausgabe der Frankfurter IfS-Zeitschrift WestEnd). Und nach wie vor erachte ich es in diesem Sachkontext doch zumindest als einen interessanten Gedankengang, den Marx in „Zur Judenfrage“ (nein, hier geht’s nicht um Antisemitismus) mit seiner scharfsinnigen Unterscheidung zwischen „politischer Emanzipation“ einerseits und „menschlicher Emanzipation“ andererseits verfolgt.

Kurzum, zurück zum Alltag des Politikbetriebs: In der überregionalen Presse (US-amerik. wie auch FAZ/SZ etc.) heißt es nun aktuell, dass die Proteste zur Vereidigung Donald Trumps „die Spaltung Amerikas“ zeigten. Aber die wirklich wichtige Spaltung ist gar nicht die zwischen Demokraten und Republikanern oder zwischen Trump-Anhängern und Trump-Hassern. Die fundamentale und bedeutsamere Spaltung ist wohl eine andere**. Die meisten Trump-Anhänger und Trump-Hasser stehen im Grunde genommen auf der gleichen Seite. Das Sozialdemokratenäquivalent Bernie Sanders scheint zumindest in die richtige Richtung zu denken, so heißt es in seiner aktuellsten Videobotschaft: „Our job is to keep our eyes on the prize. And the prize is that we will continue fighting for a government that represents all of us, not just the one per cent.“

Wie gut, dass auf der heutigen Titelseite der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die hitzige Debatte um eine mögliche Katzensteuer thematisiert wird. So meint auch der Bundessprecher der Grünen Jugend, dass eine „umfassende Analyse“ des Katzenproblems vonnöten sei. Genau, diese Analyse haben wir dringend nötig. Es erleichtert doch sehr das politische Gewissen, dass auch die Nachwuchskader der dominierenden Parteien ihren Finger am Puls der Zeit haben.

*http://www.spw.de/data/spw_194_reinhardt.pdf

**Dass kulturelle Konflikte ein bedeutsames Eigenrecht haben, soll hier gar nicht bestritten werden.

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