Eine funktionale Justierung der globalen Marktwirtschaft? Die G20, Wirtschaftsnobelpreisträger und der „Global Risks Report 2017“ des Weltwirtschaftsforum singen im bemerkenswerten Chor: das größte gesellschaftliche Risiko unserer Zeit ist die exzessive Spaltung zwischen Arm und Reich.

 

Ist es Euch auch schon aufgefallen?

Für den kürzlich veröffentlichten „Global Risks Report 2017″ des Weltwirtschaftsforum wurden rund 750 Experten gefragt, was in deren Augen die größten Risiken unserer Welt sind. Das Ergebnis: Als größte Herausforderung der kommenenden Dekade wird die zunehmende ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen identifiziert. Die größte Herausforderung sei dabei die Reform des „Marktkapitalismus“ (!), zumal bloßes Wirtschaftswachstum dieses Problem nicht beseitige (!).

The first two are in the economic category, in line with the fact that rising income and wealth disparity is rated by GRPS respondents as the most important trend in determining global developments over the next 10 years.

http://www3.weforum.org/docs/GRR17_Report_web.pdf

Dieser Exzess der Ungleichheitsentwicklung steht auch ganz offenbar im Zusammenhang mit dem Aufstieg der „Populisten“, der Rechtsnationalen und dem Wahlsieg Trumps. Wer das nicht wahrhaben möchte, der will das eben einfach nur nicht wahrhaben.

Zu diesem Sachverhalt passt auch die bemerkenswerte, offizielle (!) Abschlusserklärung der Finanzminister und Zentralbankchefs der 20 führenden Wirtschaftsnationen beim G20-Treffen in Chengdu, China, im Juli 2016:

We will also strive to reduce excessive imbalances and promote greater inclusiveness in our pursuit of economic growth.

Der Ausdruck „inclusive economic growth“ wird dort auffällig oft verwendet und ist im Grunde genommen ein Schlüsselbegriff in dieser Abschlusserklärung.

http://www.g20.utoronto.ca/2016/160724-finance.html

Allein, aus wissenschatlich-theoretischer Perspektive könnte dies als systemstabilisierende sowie produktivitätssteigernde Maßnahme diagnostiziert und funktional erklärt werden (zum Status funktionaler Erklärungen – nicht zu verwechseln mit Funktionalismus – in den Gesellschaftswissenschaften/Politischen Theorie werde ich vll. an anderer Stelle mal mehr schreiben). So schreibt die ZEIT in einem Artikel mit dem Titel „Der Kapitalismus soll netter werden“ zum G20-Treffen der Staats- und Regierungschefs 2016:

Die Mächtigen der Welt haben ein neues Projekt: Sie wollen den Gegnern der Globalisierung mit Umverteilung den Wind aus den Segeln nehmen. (…) Im Angesicht des Schreckens ordnet das Kapital seine Prioritäten neu. Das eröffnet politische Spielräume.

http://www.zeit.de/2016/32/globalisierung-kapitalismus-umverteilung-g20-gipfel-rechtspopulismus

Der letzte Satz verweist auf den Umstand, dass sich signifikante Umverteilungsforderungen wohl eben nicht jederzeit gemäß dem Pippi Langstrumpf-Prinzip voluntaristisch nach Belieben erfolgreich durchsetzen können (so etwa die implizite Annahme von Kontingenzfanatikern), sondern dass solche Forderungen nur dann Chance auf politische Realisierung haben, wenn sie auch produktivitäts- bzw. wachstumsförderlich sind in Zeiten anhaltender Wachstumsschwächen.

Nun weisen inzwischen sogar etablierte Akteure wie die OECD, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, der Internationale Währungsfonds bzw. die IWF-Direktorin Christine Legarde & Co. (die allesamt gewiss nicht in den Verdacht des Linksaktivismus geraten) darauf hin, dass exzessive Ungleichheiten und extreme Armut den Produktivitätsfortschritt bzw. das Wirtschaftswachstum hemmen – und letzteres ist das, worum es letztlich geht und was natürlich „nicht sein darf“. Der zitierte ZEIT-Artikel argumentiert zwar teilweise zu personalisiert, sieht im Kern doch aber eine funktionale Anpassung des marktwirtschaflichen Systems mit seinen Kräften. Demzufolge wäre eine Neujustierung im Verhältnis von Arm und Reich notwendig, um das Weltwirtschaftswachstum zu fördern und nicht eine eskalierende Irritation des Marktgefüges zu riskieren. Womöglich befeuern Trump und Brexit zusätzlich entsprechende Kräfte – je nach dem, wie diese Sachverhalte gedeutet werden („auch die obersten Entscheidungsebenen der Politik erholen sich langsam vom jeweiligen Schock… und ziehen Konsequenzen“). Das heißt: Kein Grund zur voreiligen Freude; die dominierenden Kräfte haben sicherlich nicht plötzlich den genuinen Willen zur sozialen Gerechtigkeit oder den sozialistischen Ethos der Solidarität in sich entdeckt. Allein, solche übergeordneten Erklärungsangebote tragen selbstredend schwere Lasten auf ihren Schultern und klingen auch ein wenig abgehoben, dies macht sie aber wissenschaftlich nicht weniger interessant und aktivieren doch vielmehr den Forschergeist.

Aussagen aus einem aktuellen FAZ-Gastbeitrag des Wirtschaftsnobelpreisträgers Joseph E. Stiglitz bekräftigen das skizzierte Bild („Ungleichheit als Wachstumsrisiko“):

Die wachsende Ungleichheit ist eines der größten Risiken für die Weltwirtschaft. (…) Wenn normale Bürger nicht über genügend Einkommen verfügen, um die von Unternehmen hergestellten Produkte zu kaufen, wie sollen diese Unternehmen dann wachsen? Diese Einsicht stimmt mit den Erkenntnissen des Internationalen Währungsfonds (IWF) überein, wonach Länder mit geringerer sozialer Ungleichheit ökonomisch besser dastehen. (…) Die Zukunft der Marktwirtschaft in der jetzigen Form steht auf dem Spiel.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/weltwirtschaftsforum/joseph-e-stiglitz-wachsende-ungleichheit-eines-der-groessten-risiken-fuer-weltwirtschaft-14660246.html

Wie dem auch sei, inzwischen ist der anklagende und analytische Verweis auf die gesellschaftliche Brisanz der wachsenden sozialen Ungleichheit nicht mehr ein Privileg linker Gesellschaftswissenschaftler und Philosophen & Co., sondern auch prominente Wirtschaftswissenschaftler wie etwa Peter Bofinger und nebst Stieglitz weitere Wirtschaftsnobelpreisträger wie zum Beispiel Paul Krugman (oder Angus Deaton) erheben ihre Stimme in diesem Chor:

Peter Bofinger (Wirtschaftsprofessor an der Uni Würzburg + seit 2004 Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung = „die fünf Wirtschaftsweisen“ der Bundesregierung):

Die unteren 30 % der Haushalte in Deutschland haben seit 1991 keinen Anstieg der Realeinkommen erfahren. (…) In den USA kann man sehen, dass der mittlere Vollzeitarbeitnehmer seit dem Jahr 1977 keinen Wohlstandszuwachs mehr erfahren hat; sein Reallohn ist seit 1977 gleichgeblieben, obwohl das Bruttoinlandsprodukt, also die wirtschaftliche Leistung in den Vereinigten Staaten, sich etwa verdoppelt hat. (…) Es geht also darum, das, was insgesamt an zusätzlichem Wohlstand in der Volkswirtschaft da ist, auch gerecht zu verteilen.

http://www.deutschlandfunk.de/globalisierung-das-hat-sich-fuer-die-breite-der-menschen.694.de.html?dram:article_id=375758

Paul Krugman (Wirtschaftsprofessor an der „Ivy League“-Universität Princeton und an der London School of Economics + prominenter und gewiss extrem gut bezahlter Kulumnist der New York Times + erhielt 2008 den Wirtschaftsnobelpreis):

The question is: can you due redistribution make a better society, and the answer is ‚yes‘.

That makes a big difference. That can make an enormous difference. Take a few percent of national income and take it away from the top 1 percent and direct it towards the bottom 20 percent; that’s a tremendous gain in quality of life of the bottom 20 percent.

 

 

PS: Erstaunlich finde ich nicht so sehr den Inhalt für sich genommen, denn das sind alles alte Geschichten. Erstaunlich, ja, wirklich bemerkenswert ist vielmehr, wer diese Aussagen trifft: Die Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsnationen unserer Welt, das Weltwirtschaftsforum sowie Wirtschaftsnobelpreisträger & Co. Und ebenso erstaunlich ist folgendes: Selbst radikale Marktdogmatiker wie Rainer Hank von der Frankfurter Allgemeine Zeitung, der dort das radikalliberale Wirtschaftsressort leitet und kräftig in das Horn des Kapitals bläst – oder eben das Weltwirtschaftsforum (s.o.) – nehmen plötzlich wie selbstverständlich das Wort „Marktkapitalismus“ in den Mund. Ist das nicht bemerkenswert? Vor nicht allzu langer Zeit klang der Begriff „Kapitalismus“ in den Ohren der breiten Öffentlichkeit noch altertümlich, nach Ende des Kalten Krieges wollte an den Universitäten kaum noch jemand etwas von „Kapitalismus“ oder Marxismus hören. Und wer heute an der Universität Wirtschaftswissenschaften studiert, hört in erster Linie etwas vom „Markt“, aber gewiss nichts vom „Kapitalismus“. Als seien „Markt“ und „Kapitalismus“ identisch. Vielleicht wird sich das in nicht allzu ferner Zukunft ändern.

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