Eine der schönsten Wohngegenden Berlins wird gentrifiziert: Die Stadtteilheimat meiner Kinder- und Jugendtage „die Rote Insel“

Im Grunde genommen kennt der Durchschnittsberliner nur seinen eigenen Bezirk und vielleicht noch 2-3 weitere wirklich gut. Bei mir sind/waren es Schöneberg, Kreuzberg und Wilmersdorf, wo ein paar meiner guten Freunde wohnten (inzwischen zzgl. Steglitz wegen Mamuschka). Im Gespräch mit einem Geographen und Stadtsoziologen habe ich ein bisschen über die Gegend in Berlin berichtet, in der ich aufgewachsen bin. Vor allem über die subtilen bis offenkundigen Veränderungen, die sich dort im Laufe der letzten 10 Jahre bemerkbar gemacht haben. Ihr erster Kommentar: „Hört sich nach einem Musterbeispiel für Gentrifizierung an“.

Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, wird stadthistorisch auch „Rote Insel“ genannt. „Ihren Namen bekam [sie] durch die überwiegend linke Arbeiterbewegung, die hier viel verbreitet war.“

https://www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/ueber-den-bezirk/ortsteile/schoeneberg/rote-insel-365852.php

Früher lebten dort viele SPD, USPD, KPD-Leute, in der Zeit des Nationalsozialismus konzentrierte sich auf der „Roten Insel“ der linke Widerstandskampf. So „wagte sich [auch] bis zum Ende der Weimarer Republik die SA nur schwer bewaffnet, überfallartig und in großen Trupps auf das von Sympathisanten linker Parteien dominierte Gebiet der Insel.“ (Wiki) Später sollte die Orientierung der ortsansässigen Bevölkerung nach wie vor eher politisch links sein.

In diesem Wohngebiet wurde erst vor einigen Jahren in der Kolonnenstraße die S-Bahnstation „Julius-Leber-Brücke“ gebaut, die sich wiederum zwischen den Stationen Schöneberg, Kleistpark und Yorkstraße (letztere verbindet Kreuzberg und Schöneberg) befindet – die Kerngebiete meiner ersten 20 Lebensjahre.

Wie dem auch sei, dieses Wohnviertel zwischen Kolonnenstraße und dem Viktoriapark („der Kreuzberg“/“Kreuer“) scheint wie viele andere Gegenden Berlins sukzessive gentrifiziert zu werden – die Akazienstraße wiederum war schon immer die schöne Café-Straße der Grünwähler und Lehrer, nur die ausländischen Hipster scheinen relativ neu zu sein. So scheint mir zum Beispiel früher der Migrantenanteil (v.a. Türken) sehr viel höher gewesen zu sein, und „Prolls“ habe ich zuletzt gar keine mehr gesehen. Zudem sollen die Mieten u.a. in der unter Insidern beliebten Geßlerstraße (okay, zumindest ich mag sie immer noch sehr) deutlich gestiegen sein, dies macht sich auch am Anteil junger Familien bemerkbar, die wie die ältere Nachbarschaft so aussehen, als würden sie ganz gut verdienen. Außerdem haben sich in den vergangenen Jahren inmitten der teils schönen Gründerzeitbauten zwei schicke, moderne Häuser mit hohem Fensteranteil ebenso breit gemacht. Am auffälligsten ist jedoch die Veränderung auf dem riesigen Gelände zwischen Geßlerstraße und Monumentenstraße, auf dem einst meine asbestverseuchte Grundschule stand: Nachdem vor einigen Jahren alles auf dem Gelände abgerissen wurde (Schwielowsee-Grundschule, die alten Spielplätze usw.), steht dort heute nun eine holzverkleidete, schicke Waldorfschule mit vielen Fahrradständern und einem hochwertigen Basketballkorb und: der absolut geilste Kinderspielplatz, den ich bislang in meinem Leben gesehen habe. Nur die alten Kastanienbäume, von denen ich jeden Herbst während der Nachmittagsbetreuung (Ganztagsschule, beide Elternteile waren vollberufstätig) gemeinsam mit Freunden die Kastanien mittels anderer Kastanien runterbeförderte, haben zu meiner sentimentalen Freude all die Jahre überdauert und stehen immer noch fest verwurzelt auf dem alten Gelände. Kurzum: Heute schlägt hier vor allem das junge, besserverdienende Elternherz höher.

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nevermind die schneefreien, tristen Wintersymptome und die hässlichen Graffiti auf dem Schild

Unverändert scheinen die beiden guten Sport- bzw. Fußballplätze direkt gegenüber zu sein, die offenbar immer noch die alten aber gut erhaltenen Tore verwenden, in die ich als kleiner Junge beim dort ansässigen „BSC Kickers 1900“ Bälle gekickt habe. Zudem ist die Gegend nach wie vor keine Party- oder Touristengegend, und Hostels sind bis dato auch kaum in Sicht. Trotz Gentrifizierungserscheinungen scheint es mir immer noch eine der schönsten und praktischsten Wohngegenden zu sein.

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