Als Ergänzung zu meinem vorherigen Beitrag: Der prominente Rheinländer mit dem weißen Rauschebart ist tot, aber aktueller denn je – Karl Marx.

Ein Großteil der Reduktion extremer finanzieller Armut (Kaufkraft von weniger als 1,25 Dollar/Tag) geht auf die (kapitalistisch-)marktwirtschaftliche Öffnung Chinas ab 1979 unter Führung von Deng Xiaoping zurück, mit der eine Steigerung der Produktivkräfte bezweckt wurde. Zugleich leben weltweit nach wie vor 2,7 Milliarden Menschen von weniger als 2 Dollar/Tag, wobei diese Schwelle bislang kaum bekämpft werden konnte, und die Anzahl derer, die darunter fallen, hat ab 1980 teilweise sogar zugenommen.

Zum aktuellen Zwischenstand gehört in diesen „aufstrebenden Nationen“ wohlgemerkt aber ein alter Bekannter der kapitalistischen Entwicklung, der bei Marxisten nur noch ein müdes Gähnen hervorruft: die Realität massenweise zwangsenteigneter Bauern – laut dem ehemaligen Minister für Boden und Ressourcen, Xu Shaoshi, wurden allein zwischen 2008-2011 mindestens 25 Millionen Bauern zwangsenteignet und ihrer Böden beraubt (vgl. „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ – Marx, Das Kapital, Band 1, Kapitel 24). Bauern, die statt auf ihrem eigenen Stück Land nun in frühindustriellen Arbeitsfabriken unter katastrophalen Arbeitsbedingungen ohne angemessenen Arbeitsschutz malochen, und dabei nur die Krümel abbekommen, die vom hohen Tisch des Umsatzes herunterkullern. Mit der marktwirtschaftlichen Öffnung Chinas ging die massenhafte Entstehung einer Klasse von Billiglohnarbeitern einher, die keinerlei Mittel mehr haben, um selbstgenügsam in Subsistenzwirtschaft zu leben (dies ist nicht romantisierend gemeint). Die zynische Pointe ist wiederum, dass diese neuen Lohnarbeiter nun konform mit wirtschaftsliberalen Theoremen rational allen Grund haben, solche Arbeiten anzunehmen: ohne solch eine Arbeit ginge es ihnen nämlich unter den gegebenen Bedingungen materiell noch schlechter, d.h. es besteht ein finanzieller Anreiz, der zudem – so die Theorie – langfristig ein Stück Wohlstandsgewinn bringen soll und eine neue riesige Mittelschicht entstehen lässt (so im Übrigen auch die Antwort chinesischer Billigarbeiter auf die Frage, warum sie eine Arbeit unter derart schlechten Arbeitsbedingungen überhaupt annehmen, obwohl dadurch zudem Millionen von Familien auseinandergerissen werden und viele Eltern kaum noch Kontakt zu ihren Kindern haben).

Das alles steht in Verbindung mit dem prominenten weißen Rheinländer, der heute alle feuilletonistische Marktkritik und Leserkommentarspalten hoffnungslos antiquitiert erscheinen lässt. Ein Herr, der auch heute noch mit seinem genderkonformen Rauschebart die Geister der Jugend infiltriert und dort die wissenschaftlichen und politischen Kriegstrommeln schlägt. Ein Herr, der schon in jungen Jahren durch seine publizistische Aktivität eine Inhaftierung riskierte und ins politische Exil nach England flüchtete, um mit vollem Engagement – und mit Blick auf das Endziel „menschliche Emanzipation“ – die politische Emanzipation seiner Zeit voranzutreiben – so haben wir Heutigen ihm u.a. einige Errungenschaften der „repräsentativen“ Demokratie mit ihren Sozial- und Arbeitsrechten zu verdanken. Jemand, der vor gut 150 Jahren seine Tage und Nächte in der Londoner British Library verbrachte, um die größten Nationalökonomen seiner Zeit intensiv zu studieren und wissenschaftlich-kritisch zu überdenken: Auch Karl Marx sprach mit geradezu euphorischer Bewunderung vom Quantensprung in der Produktivitätssteigerung und technologischen Entwicklung, den die kapitalistische Industrialisierung und sich entsprechend ausbreitende Marktwirtschaft ermöglicht hat:

Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.

– zitiert aus der politischen Programmschrift „Manifest der Kommunistischen Partei“ von 1848, die zwar weniger konzentriert und analytisch geschrieben ist als sein dreibändiges Werk „Das Kapital“, wohl aber nicht weniger folgenreich war.

Wir können guten Gewissens ableiten: Die neue „industrielle Revolution“ der disruptiven Digitalisierung der Marktwirtschaft und ihre Folgen der kreativen analogen Zerstörung ist nix Neues im Westen, sondern nur neuer Wein in alten Schläuchen der produktivkraftsteigernden Entwicklung des Kapitalismus.

Allein, so jedenfalls meine bescheidene Meinung, bei KM sollte man nicht stehen bleiben, und ihn schon gar nicht wie ein dogmatischer Adjutant blind und kopfnickend hinterherhecheln und jedes seiner Worte automatengleich abspeichern und unkritisch absondern, als gäbe es sonst nix Erwähnenswertes, als stünde in der wissenschaftlichen Bibel linker Spezialisten – „Das Kapital“ mit seinen 3 Bänden – alles, was man von sich, der Welt und der Erde wissen sollte. Zumal selbst der Angehimmelte nicht dieser Meinung war.

Nichtsdestotrotz kann an dieser Stelle gut und gerne die bemerkenswerte Anerkennung seitens Jürgen Kaube (Herausgeber und Feuilletonleiter der „konservativen“ F.A.Z.) wiederholt werden:

Als Versuch, die Gesellschaft zu verstehen, in der wir leben, ist das Werk fast ohne Nachfolger geblieben. Dass man Marx nach 1989 für erledigt hielt, bleibt eine Torheit. (FAZ, 31.12.2016)

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