Die wohl größten politischen Probleme unserer Zeit

Ganz oben auf die Liste der größten politischen Probleme unserer Zeit gehören wohl…

erstens: nach welchen Prinzipien und unter welchen Bedingungen sollte der gesellschaftlich produzierte Reichtum verteilt werden? Auch der Wert der Gleichheit ist eine Komponente der sozialen Gerechtigkeit. In den existierenden marktwirtschaftlichen Gesellschaften ist das drängendstes Problem sozialer Gerechtigkeit die massive und stark zunehmende soziale Ungleichheit (hier allererst die materielle Dimension), die jede Tatsachenbehauptung „bestehender Chancengleichheit“* im Grunde genommen lächerlich erscheinen lässt und folglich nicht nur Egalitaristen, sondern alle Freiheitsliebhaber eigentlich auf die Barrikaden rufen müsste. Tut’s aber leider nicht. So ist allen voran die liberale Erwartung des „pursuit of happiness“ unter „freien“ Bedingungen „a far cry from social reality“;

* ob nun die bourgeoise Variante (keine Ressourcenallokation/Distribution aufgrund von Status/Diskriminierung) oder die anspruchsvollere liberale/sozialdemokratische Variante (Gleichheit der sozialen Umstände bzw. keine Distribution aufgrund von Herkunft -> z.B. Bildungsgleichheit, aber durchaus auch „economic assets“) verstanden. Sozialistische Gleichheit als dritte Variante ist ein anderes Thema (dort Fokus v.a. auf materielle Gleichheit + Prinzip der Gemeinschaft/sozialist. Ethos der Gesellschaftsmitglieder -> Reichweite der Geltung geht über gerechte Institutionen hinaus und ist damit anspruchsvoller als die bourgeoise und liberale/sozialdemokratische Variante der Gleichheit als Chancengleichheit).

zweitens: der Klimawandel: zunächst ist festzustellen, dass in den Naturwissenschaften offiziell von einem neuen Erdzeitalter gesprochen wird. Der Holozän ist Vergangenheit und wurde vom Anthropozän, d.h. von der „new human-dominated time period“ (s. Quellenangabe unten) bzw. vom Zeitalter der „comprehensive human alteration of planetary systems“ abgelöst: der kapitalistisch-produktionsgetriebene menschliche Fußabdruck ist schon jetzt dermaßen gewaltig, dass wir die Erde qualitativ und bleibend verändert haben. Als Folge unseres substanziellen Einflusses auf den Planeten ist überdies davon auszugehen, dass derzeitige Wetterextreme wie Hitzeperioden, Starkniederschläge, Hochwasserereignisse, Stürme, Sturmfluten & Co., menschenvernichtende Naturkatastrophen sowie aktuell 65 Millionen Flüchtlinge weltweit „lediglich“ das „Kindergartenvorspiel“ dessen sein dürften, was auf zukünftige Generationen noch zukommen und in allen Katastrophengeschichtsbüchern als „Klimawandel“ eingehen wird. In diesem Sinne: Warum auf den Zufall des Universums warten? Was der Asteroid einst für die Dinosaurier war, könnte für einen signifikanten Teil der Menschheit (natürlich in erster Linie für den ärmsten Teil des Planeten) die Wirkung des Klimawandels sein, den wir aus eigener arbeitsteiliger Kraft ins Leben gerufen haben. Fair enough! Dabei ist angesichts aktueller Entwicklungen davon auszugehen, dass die „Festung Europa“ als selbstschützende Präventivmaßnahme ihre Grenzen vermutlich noch panzerdicht machen wird, zumal sowohl die breite Mehrheit der „Wohlstandsbürger“ als auch unsere wirklich reichen Parallelmitbürger ihre Brötchen nicht wirklich teilen möchten mit Menschen, die nicht nur vor extremer Armut, vernichtenden Kriegen und failed states (das Auswärtige Amt spricht bereits von „failed regions„) fliehen (werden), sondern auch vor wiederkehrenden Naturkatastrophen, stärker werdenden und sich ausbreitenden Dürren, zunehmenden Ressourcenkonflikten und insgesamt gravierender Not;

… und drittens: die extreme Armut, d.h. das „Leben am äußersten Rand der Existenz“: zum Beispiel, um nur eine der Geschwister extremer Armut zu nennen, sterben täglich ca. 16.000 Kinder an armutsbedingten (!) Krankheiten, jährlich knapp 6 Millionen Kinder, wobei z.B. jedes sechste Kind in Angola seinen fünften Geburtstag nicht erlebt; das sind allein in dieser Hinsicht jeden Tag 5-6 Mal „9/11“ bzw. täglich 5-6 Mal die einstürzenden World-Trade-Center-Türme, wobei sie in diesem Fall ausschließlich mit Kindern gefüllt sind (s. UNICEF-Bericht „Committing to Child Survival: A Promise Renewed. Progress Report 2015).

Die Anzahl der Menschen, die in extremer finanzieller Armut leben, ist in den vergangenen 25 Jahren signifikant zurückgegangen (Stichwort: China); so lebten 1990 noch 42 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, 2005 schon „nur“ noch 26% (gem. Angaben der Weltbank). Als extrem arm gelten Menschen, die mit einer Kaufkraft [!] von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag leben müssen. „Die meisten der 1,2 Milliarden Menschen, die in diese Kategorie fallen, haben sogar deutlich weniger als einen Dollar zu Verfügung. Sie besitzen oft praktisch überhaupt kein Bargeld…“ (armut.de). Wie gesagt, es geht dabei um die finanzielle Dimension, andere Dimensionen wie sauberes Trinkwasser, Hunger, Unterernährung/Mangelernährung bzw. keine angemessene Ernährung, Sanitäranlagen, Gesundheit, medizinische Einrichtungen, Bildung, Sklavenarbeit etc. sind wiederum ein anderes dramatisches Problemfass und i.d.R. die Geschwister der genannten finanziellen Armut. Die folgenden Daten inklusive Quellenangaben habe ich einem Vortrag des in Yale forschenden Philosophen Thomas Pogge entnommen:

– 842 Millionen Menschen sind chronisch unterernährt (FAO 2013);
– 2 Milliarden Menschen haben nicht mal Zugang zu medizinischer Grundversorgung (www.fic.nih.gov);
– 783 Millionen Menschen haben kein sauberes Trinkwasser (MDG Report 2012);
– 1,6 Milliarden Menschen haben keine angemessene Unterkunft (UN Special Rapportour 2005);
– 1,6 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Strom (UN Habitat, „Urban Energy“);
– 2,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu angemessenen Sanitäranlagen (MDG Report 2012);
– 796 Millionen Erwachsene sind Analphabeten (www.uis.unesco.org);
– 218 Millionen Kinder (5-17 Jahre) leisten Kinderarbeit außerhalb ihres Zuhauses, oftmals unter sklavenähnlichen und katastrophalen Bedingungen (ILO: The End of Child Labour Within Reach, 2006).

Ein paar weitere Fakten, die ebenso mehr als nur aufhorchen lassen:

Etwa 1/3 aller Todesfälle weltweit (d.h. 18 von 57 Millionen) werden durch armutsbedingte Krankheiten verursacht – z.B. Durchfall, Unterernährung, Kinderkrankheiten, Tuberkulose, Hepatitis, Malaria, Atemwegserkrankungen (WHO, 2008).

Während ca. 60 Millionen Menschen durch den 2. Weltkrieg, 30 Millionen Menschen durch Maos „großen Sprung nach vorne“, 20 Millionen Menschen durch Stalins Herrschaftsapparat gestorben sind, sind von 1990-2013 ca. 416 Millionen Menschen an armutsbedingten Krankenheiten gestorben, d.h. fast 7 Mal mehr als durch den 2. Weltkrieg.

Der relative Anteil hungernder Menschen an der Gesamtbevölkerung ist zwar seit 1990 gesunken, aufgrund der Entwicklung der Weltbevölkerung ist jedoch die absolute Zahl hungernder Menschen gestiegen – das wird oft verschwiegen oder durch methodische Definitionsänderungen einfach schöngefärbt/verzerrt. Kurzum: Heute hungern mehr Menschen als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Und alle zehn Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen von Hunger.

(Laut US-Gesundheitsministerium leben sogar in den USA 15,8 Millionen Kinder in Haushalten, in denen der Zugang zu nahrhaftem Essen nicht gewährleistet ist; Stand: 2015)

Und das liegt ganz gewiss nicht daran, dass es so sein müsste und wir in diesem Sinne bereits in der „besten aller möglichen Welten“ leben würden. Moralisch relevant bei all dem sind nicht einfach die Daten für sich genommen, moralisch relevant ist der Umstand, dass unter gegebenen ökonomischen und technologischen Bedingungen die Welt besser aussehen könnte. „Yet, what the poorer half of humanity needs to avoid severe deprivations is merely an extra two percent of global household income.“ (Thomas Pogge)

„Everyone is entitled to a social and international order in which the rights and freedoms set forth in this Declaration can be fully realized.“ (Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 28, 1948)

Crutzen and Stoermer (2000). „The ‚Anthropocene'“. Global Change Newsletter (ab Seite 17): http://www.igbp.net/download/18.316f18321323470177580001401/1376383088452/NL41.pdf

Waters et al. (2016), “The Anthropocene is functionally and stratigraphically distinct from the Holocene”. Nature: http://science.sciencemag.org/content/351/6269/aad2622

PS: als viertes politisches Problem könnten wir angesichts der asymmetrischen Entwicklung der Weltbevölkerung und Weltwirtschaft (Deutschland für sich genommen wird immer unbedeutender werden) noch die Zukunft der internationalen Ordnung auf die Liste setzen. Ob die liberale Ordnung tatsächlich das „Ende der Geschichte“ ist, bleibt abzuwarten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s