Verkehrte Welt? Rinks und Lechts.

Während der Arbeit vorgestern lief im Hintergrund auf Phoenix (TV) die Wiederholung einer Polit-Talkshow. Es ging natürlich um Trumps Wahlsieg. Irgendwann fiel der Satz: „…es geht um soziale Gerechtigkeit, um die soziale Frage. Die Reallöhne in den USA sind in den vergangenen 15 Jahren stagniert bis teils rückläufig“. Ich schaute zum Fernseher und dachte „oh, sie haben mal einen Politiker der Linken eingeladen, aber warum trägt er diesen gestreiften Business-Anzug?“. Es stellte sich heraus, dass es der ehemalige Pressesprecher von Jörg Haider war (österr. Rechtspopulist FPÖ bzw. BZÖ). Seine Gesichtszüge hatten passenderweise eine frappierende Ähnlichkeit mit Figuren, die in den Werken des deutschen Malers Otto Dix zu sehen sind. Noch irritierender war sodann aber die unmittelbare Replik eines prominenten SPD-Wahlkampfmanagers, der sogar schon in den USA für die Demokraten unter Bill Clinton Wahlkampf gemacht hat. Er sagte: „Wen interessiert denn heute schon die soziale Frage, darum geht es doch gar nicht. Das Problem ist, dass die jungen Leute vom Land in die Städte ziehen“.

Nun, dies verweist auf zweierlei: 1) Es ist ein Indiz dafür, warum die SPD nur noch bei 23% liegt. 2) Die Rechten nutzen die Gunst der Stunde, füllen eine zentrale Lücke und kapern in populistischer Manier klassisch linke Themen. Allein, bei den Rechten sind die Adressaten sozialer Gerechtigkeit Mitglieder eines imaginierten Blutsvolkes und sonst niemand. Wie damals bei Hitler, der als Nationalsozialist mit Arbeit und materieller Sicherheit für jedermann gelockt und fatalerweise kurzfristig gewonnen hat. Dies verdeutlicht zudem, wie gefährlich-brisant in dieser Hinsicht die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer tatsächlichen Finanzschmelze wären – man erinnere sich an Merkels und Steinbrücks vorauseilende Aussage „Die Spareinlagen sind sicher“. Die zugrunde liegenden strukturellen Zwänge („too big to fail“) machen diesen Konflikt umso perverser.

Trotz allem gibt es ja kleine Lichtblicke: Obama hat kürzlich in seinen Reden in Athen und Berlin auf die tiefe soziale Spaltung in den USA und die politische Brisanz der sozialen Frage verwiesen – und dies kann kein Zufall sein, zumal diese zentralen Anmerkungen direkt nach der US-Wahl erfolgten und Trumps Erfolgsgeheimnis in seiner verbalen Fokussierung auf die „American working class“ liegt, sodass sogar die Republikaner selbst meinten, Trump sei eigentlich gar kein Republikaner.

Offenbar schlug der Wahlschock wie ein brechender Hammer auf die Demokraten ein. Ein weckender Hammer, der zweierlei zutage förderte: dass zum einen die USA mehr umfasst als Surfer-California/Silicon Valley mit seinen digitalen Weltverbesserungsunternehmern im Westen und New York/Manhattan im Osten; und dass zum anderen auch „sozioökonomisch schwache“ Menschen allergisch reagieren, wenn sie bloß despektierlich bis offen abwertend behandelt werden. Die Süddeutsche formulierte es wie folgt, wenn auch plakativ zugespitzt: „Wie konnte der Arbeiter überhaupt so vom Heroen zum Feindbild der Linken verkommen?“. Diese Frage verdient mehr Aufmerksamkeit. Der Richtungsstreit bei den US-Demokraten scheint ja nun im vollen Gange zu sein.

In einer Abwandlung eines bekannten Spruchs von Simone de Beauvoir könnte man provokativ sagen: „Man wird nicht als Rassist geboren, sondern zum Rassisten gemacht“. „Die Briten“ sind ja nicht von Natur aus Polentotschläger (siehe Mord in Harlow, der wohl rassistisch motiviert war), wobei es natürlich leider eingefleischte white-power Trottel gibt wie etwa den ehemaligen Investmentbanker Stephen Bannon, der nun offiziell Trumps „Chefstratege“ im Weißen Haus sein wird.

Und wenn alles schief läuft, wenn diese fundamentalen Verteilungskonflikte nicht ins Zentrum der öffentlichen Diskussion rücken, registrieren wir vielleicht schon in naher Zukunft nicht den marxistischen Traum einer linken Internationalen, sondern das albtraumhafte Paradoxon einer Internationalen von Rechtsnationalen.

PS: Die Grünen, d.h. die Partei, die (nebst begrüßenswerten Positionen) teilweise die Rolle einer neuen FDP Deutschlands übernommen hat und in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik zu den Falken zählt, haben ja auf ihrem Parteitag am letzten Wochenende beschlossen (wenn auch mit starken Widerspruch seitens des Oberlehrers Kretschmann), mit der Forderung nach einer Vermögenssteuer in den Bundestagswahlkampf zu ziehen – allerdings nur für „Superreiche“, denn man möchte ja das eigene Wählerklientel nicht vergraulen.

(Diesen Beitrag hatte ich bereits im November 2016 an anderer Stelle veröffentlicht, deshalb die zeitlichen Angaben wie „vorgestern“ etc.)

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