Die Weihnachtstrilogie (22/12): Woher kommt eigentlich der „Neoliberalismus“? Zu den historischen und ideologischen Wurzeln neoliberalen Denkens: The Good Society (1937), Colloque Walter Lippmann (1938), Mont Pèlerin Society (1947 – heute)

Die ideologischen Grundlagen wurden lange vor der Zeit der bis heute dominierenden Politik der „Deregulierung, Privatisierung, Entstaatlichung, Flexibilisierung“, die ab den 1970er begann, gelegt. Anstoß war „The Good Society“ aus der Feder des Publizisten Walter Lippmann von 1937, in dem er sich gegen kollektivistisches Denken und für die Wiederbelebung liberaler Politik ausspricht. Diese Schrift kursierte u.a in Gelehrtenkreisen und inspirierte zu einem Treffen, das 1938 in Paris stattfand und als „Colloque Walter Lippmann“ in die Geschichte einging. Dort haben sich ziemlich intelligente Gesinnungsgenossen wie etwa Friedrich von Hayek, Walter Eucken, Milton Friedman, Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow getroffen, die in Lippmanns Thesen einen Bruder im Geiste sahen und sich in hitzigen Debatten gemeinsam über die möglichen Grundlagen eines neuen Liberalismus ausgetauscht haben – ein Liberalismus, der von allen Beteiligten sowohl ethisch als auch politisch als dringend nötig erachtet wurde. In Paris des Jahres 1938 einigten sich die Protagonisten des „Colloque Walter Lippmann“ auf den Begriff „Neoliberalismus“.

Fortgeführt wurde dieses Gespräch sodann in der Mont Pèlerin Society, die bis heute besteht und 1947 auf Einladung von Friedrich von Hayek (der von jedem politischen Theoretiker ernst genommen werden sollte) in der Schweiz bei einem Treffen von Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern gegründet wurde. An diesem Gründungstreffen in der Schweiz nahmen auch alte Bekannte des „Colloque Walter Lippmann“ teil (u.a. Hayek, Eucken, Friedman, Röpke). Deren politischer und auch wirtschaftswissenschaftlicher Einfluss ist noch heute unverkennbar.

Warum aber sah man die Zeit eines neuen Liberalismus gekommen und nötig?

Nun ja, räumlich befinden wir uns in Freiburg, Wien, London, Chicago und Paris des frühen 20. Jahrhunderts, d.h. in einer Zeit, in der liberales Denken angesichts eines hoch ideologisierten Umfelds problematisch und marginalisiert war. Die nationalsozialistische „Säuberung“ der Wissenschaft ging vonstatten, das Scheitern der „Demokratie“ wurde erlebt und Weltkriege wurden vom Zaun gebrochen. In diesem Entstehungskontext übten die neuen Liberalen scharfe Kritik an einem „kollektivistischen“ Zeitgeist, den sie v.a. auch im US-amerikanischen „New Deal“ von Roosevelt manifestiert sahen und als Sozialismus einstuften und daher vehement kritisierten. Kurzum: Das Denken der neuen Liberalen begann in erster Linie als Kritik an den Spielarten des Kollektivismus (Kommunismus, Faschismus…) und als Verteidigung der Freiheit des Individuums und freier Märkte.

Als Gegenentwurf zum kollektivistischen Denken ging es um die Wiederbelebung des Liberalismus; dies allerdings nicht als Restauration, sondern als Entwicklung eines zeitgenössischen Liberalismus, der bestimmte Elemente des alten Liberalismus revidiert und aussortiert, wobei v.a die Rolle von Märkten als effizientesten Allokationsmechanismus und Garant oder gar Ausdruck (Hayek) individueller (Konsumenten-)Freiheit hervorgehoben wurde. Im Zentrum stand die Frage: Welche politischen Rahmenbedingungen sind für das Funktionieren von Märkten nötig? In diesem Sinne war das Kernproblem der „Väter“ neoliberalen Denkens damals (wie heute) das Verhältnis von Staat und Markt, wobei sie bei der Bearbeitung dieses Themas die Entgegensetzung von Wissenschaft (Ent-deckung der Gesetze des Marktes) einerseits und „Ideologie der Interessenten“ (Röpke) andererseits propagierten.

Eine interessante Pointe ist natürlich, dass in diesen früh-neoliberalen Kreisen zwar ein recht schlanker, aber zugleich auch recht starker Staat propagiert wurde, der das Funktionieren von Märkten und damit individuelle Freiheit allererst garantieren sollte (Hayek); so wurden u.a. auch Kartellämter als notwendig erachtet, zumal Wirtschaftsmonopole wettbewerbsfeindlich sind und letztlich zum Nachteil von Konsumenten wirken, um die es dem Anspruch nach am Ende immer ging (man beachte heute die quasi-Monopolstellung von Wirtschaftsgiganten wie Google, Facebook und Amazon); dass selbst solche „Staatsinterventionen“ einigen Protagonisten wiederum zu weit gingen, verdeutlicht eine nette Anekdote: An einem Tag soll Ludwig von Mises gegen den Rest im Gesprächskreis der neuen Liberalen aufgestanden sein und empört „Alles Sozialisten hier“ gerufen haben.

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