Die „Putinversteher“ und Gewaltforschung

Vor 2 Jahren hat mir die Journalistin Christiane Hoffmann (stellv. Leiterin beim Spiegel, verheiratet mit Guldiman, dem ehem. Schweizer Botschafter in Dt) in einem Gruppengespräch geschildert, wie irritierend sie es fand, im Zuge der Diskussionen um Russlands Krim-Annexion seitens ihrer Kollegen plötzlich pejorativ als „Putinversteherin“ etikettiert zu werden. Sie sagte, dass es ihr selbstverständlich nicht um Verständnis im Sinne von Zuspruch für kritikwürdiges Verhalten gehe, sondern um den journalismusrelevanten Umstand, dass es einer umfassenden Analyse der Ursachen bedarf, um die politische Dynamik zu verstehen, die eben zur Krim-Annexion geführt hat – und zu dieser Ursachenanalyse gehört in diesem Falle eben auch die Inklusion bzw. Berücksichtigung der „anderen“ Sichtweise aufs Weltgeschehen (Putin-Administration), so aberwitzig sie auch erscheinen mag aus der Perspektive des liberalen Blickwinkels. Das sehen distinguierte Höhere Dienstler im Auswärtigen Amt ein wenig anders.

Zum Beispiel wird darauf hingewiesen, dass im Laufe der vergangenen Jahre das Wort „Respekt“ in Putins Reden zur Lage der Nation bzw. in außen- und sicherheitspolitischen Dokumenten Russlands immer prominenter geworden ist. Komplementär dazu hat mir ein ehemaliger deutscher Botschafter anekdotenreich geschildert, dass sich US-amerikanische Diplomatie v.a. durch asymmetrische „Top-down“-Kommunikation auszeichne. Man erinnere sich auch an Obamas „Russland ist nur eine Regionalmacht.“

Das erinnert mich übrigens an die Studien des Frankfurter Gewaltforschers Sutterlüty, in denen er den Moment des Augenkontakts zwischen „sozioökonomisch abgehängten“ Gewalttätern (vulgo „Prolls“) und deren „Opfern“ phänomenologisch völlig zutreffend beschreibt. Das, was die meist jungen Gewalttäter schlagartig aggressiv werden lässt, sind die impliziten Urteile in den Blicken der Anderen: Es ist das non-verbale Urteil über den „Proll“, die Missachtung, die Respektlosigkeit, die Abwertung – kurzum: es ist die fehlende Anerkennung , die für eine gelungene Identitätsbildung notwendig und damit eine wesentliche Erwartung des Menschen ist (Axel Honneth) . „Ey, WAS GUCKST DU?!“. Und die Krim wechselte ihren Besitzer.

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