9/11

Keine Frage: dass jemand trotz (teils rational kalkulierten) sexistischen, rassistischen und xenophoben Aussagen ins Oval Office gewählt wurde, wird vermutlich geneigte Trottel zu entsprechenden Nachahmungen im Alltag animieren und damit anderen Menschen im Alltag schaden. Und das ist selbstverständlich in vielerlei Hinsicht kritikwürdig und beklagenswert. Aber eine Frage, die sich aufdrängt, ist die der politischen Analyse. Ob nun in den USA oder in Dt, irgendwie schien ja in den vergangenen Wochen sogar ein Großteil der überregionalen Presse der Meinung zu sein, dass der recht primitive Verweis auf Umfragedaten und Prognosen sowie die einlullende Lieblingsbeschäftigung „Personenbashing“ politische Analyse sei. Wie kann es sein, dass einflussreiche und renommierte Blätter wie NYT, Washington Post, Wall Street Journal, Economist, Süddeutsche, FAZ etc. sich erst jetzt auf den Titelseiten erstaunt die Augen reiben und ernsthaft die Frage stellen, warum dieser Typ dermaßen viel Unterstützung erhält und nicht die Heilige Maria Clinton? (dieses Erstaunen zeigt sich in der entsprechenden Selbstkritik auf den jeweiligen Titelseiten nach dem bösen Erwachen) Klar, es gab Ausnahmen. Man muss ja Michael Moore nicht mögen, aber mit starker Rhetorik und d’accord mit den genannten Ausnahmen hat er auch ein bisschen politische Analyse geleistet und Gründe genannt, warum Trump derart viele Unterstützer hat:

http://michaelmoore.com/trumpwillwin/

Ich denke, dass er nicht so falsch liegt, auch wenn es sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss ist, zumal unter der „silent majority“ (die ja mit Blick auf die absoluten Zahlen gar keine ist)  sicherlich nicht nur weiße Mittelklassemänner waren, die sich (zu Recht) um ihren materiellen „Wohlstand“ und ihre gesellschaftliche Teilhabe beraubt sehen (man bedenke den „Trickle-down“-Treppenwitz seit Reagan). Im Guardian hatte sich in einem Leserbrief sogar ein US-Ostküstenprofessor der „humanities“ als Trumpwähler geoutet. Ein Hollywood-Insider hat geschrieben, dass sich nach einem ersten Outing zu seinem Erstaunen plötzlich der gesamte Abendtisch (Mix aus A und B-Prominenz) als geneigte Trumpwähler geoutet hat. Die penible Auflistung aller „Lügen“ Trumps und Merkels „wir leben wohl im postfaktischen Zeitalter“ (etc.) sind letztlich Zeichen dafür, dass entsprechende Kommentatoren immer noch keinen blassen Schimmer davon haben, was eigentlich vor sich geht. Natürlich sagt Trump nicht die Wahrheit, und alle wissen es. Aber das ist schlichtweg nicht der entscheidende Punkt.

Fast lesenswerter, und auch nicht im Sinne von ex post Rechtfertigung:

https://www.theguardian.com/…/donald-trump-white-house-hill…

Und Phoenix hatte vor kurzem einen unterhaltsamen 4-Teiler zum bürokratischen Apparat im Weißen Haus bzw. zur einflussreichen Rolle der Stabschefs gesendet (Output unseres GEZ-Input): http://programm.ard.de/TV/Programm/Jetzt-im-TV/… (vll. wird’s ja nochmal ausgestrahlt)

Interessant war dabei in erster Linie nicht nur der Inhalt des gesprochenen Wortes, sondern auch das, was man beobachten konnte: die Arbeitskultur, der Habitus dieser politischen Elite. Es hat viel eindrücklicher als ein sophisticated Zeitungskommentar gezeigt, was für ein Kulturwandel und wie disruptiv ein Donald Trump in seinem neuen Arbeitsumfeld vermutlich sein wird. Das sagt natürlich wiederum noch nicht viel über die tatsächlichen Entscheidungen und Umsetzbarkeit politischer Vorhaben.

Übrigens: Schläft er dann eigentlich auch mit seiner Familie, wie es vorgesehen ist, im Weißen Haus, oder macht er es sich weiterhin im kitschigen und recht geschmacklosen 66. Stockwerk seines vergoldeten Trump World Tower gemütlich, und wird er klimakonform mit seinem Privatjet zwischen Washington und New York pendeln? Donald Trump im Oval Office. Das klingt zunächst nach einer reifen Monty Python Nummer. Aber es war schon erstaunlich und denkwürdig, dass die Wahl Donald Trumps so außergewöhnlich viel enthusiastische und aufgeregte Aufmerksamkeit in den Universitätsflurgesprächen bekommen hat. Eines muss man ihm lassen: er ist mobilisierungsfähig.

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