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Da es eine Nachfrage gab: Jürgen Kaube (kluger Essayist, stellv. Feuilletonleiter, zudem nach dem Tod Schirrmachers einer der 4 Herausgeber der FAZ) hat gestern einen lesenswerten Artikel veröffentlicht, der einen meiner Gedanken zur Wahl Donald Trumps unterstreicht:

http://www.faz.net/…/motive-der-donald-trump-waehler-beschi…

Hier ein Auszug aus seinem recht provokanten Artikel (es lohnt aber, ihn in Gänze zu lesen):

„Es sind also nicht die amerikanischen Wähler, über deren Dummheit oder Unbildung jetzt gesprochen werden müsste. Die Frage, die das Rätsel Trump stellt, ergeht vielmehr an jene, die jetzt ihr Erschrockensein ausstellen. Wie steht es um ihre Kenntnis der Zonen, aus denen jene Wähler kommen, wie um ihre euphemistische Einschätzung von Trumps Konkurrentin, wie um ihre historische Bildung und wie um ihren Glauben an Demoskopie? Man denkt bei Amerika an New York und an das Silicon Valley, mehr an Princeton als an Trenton, lässt sich die Ungleichheit in Amerika gern von Thomas Piketty erklären, drückt David Graeber und Occupy die Daumen; aber kommt man nicht auf die Idee, dass die meisten Wähler keine Studenten sind und, anders als Studenten, von der Globalisierung gar nicht profitieren? Man findet, dass alle Leute die Gesellschaft eigentlich super finden sollten, weil es einem selbst gut geht. Wenn die Leute wütend sind, hält man ihnen Vorträge über Vielfalt oder verweist sie an eine Linke, die es nicht gibt. Und glaubt, dass schon nichts passieren wird. Wie gebildet ist das eigentlich?“

In die gleiche Kerbe hat gestern übrigens auch der Deutsche Gewerkschaftsbund in seinem „klartext“ geschlagen.

Jede Form von Sexismus, Rassismus und Xenophobie ist zurückzuweisen, und das Verhalten Donald Trumps, der kalkulierend Ressentiments bedient und geschürt hat, ja, zur physischen Gewalt und Massendeportationen aufgerufen hat, zu verurteilen. Aber wenn solche Zurückweisung und Verurteilung ernst gemeint ist, dann kann der bloße Buh-Ruf und die Selbstvergewisserung „wir sind die Guten“ in der bequemen „bubble“ doch nicht alles sein. Judith Butler hat gestern in der Süddeutschen überzeugend einige Aspekte und sich aufdrängende Fragen hervorgehoben, andererseits scheint sie mir ebenso in genau jener „bubble“ zu leben, in der ihr gesellschaftsdiagnostisches Gespür gefangen zu sein scheint, und dies ist angesichts ihres Formats schon ziemlich irritierend. Die Frage ist, auf welchem Boden solche Ressentiments überhaupt wachsen, woher der Frust, ja, der Hass auf die politische Elite kommt, die vermutlich nur Platzhalter für eine viel weitergehende Kritik und Konfliktlage ist. Warum jemand trotz offener Lügen und krass diskriminierender Aussagen ins einflussreichste politische Amt dieser Welt gewählt wird. Jemand, der auf offener Bühne und vor laufender Kamera gesagt hat: „Well, I could stand in the middle of Fifth Avenue and SHOOT somebody and I wouldn’t lose any voters, ok?“. Und er hatte damit vermutlich auch noch Recht. Gemäß den zirkulierenden Umfragedaten hat er bei der tatsächlichen Wahl sogar mehr weiße Frauen hinter sich versammelt als Hillary Clinton – über 60 % der Frauen ohne Uniabschluss, über 40 % der Frauen mit Uniabschluss. Das sollte aufhorchen lassen.

Zur Beantwortung dieser Frage hilft wohl u.a. zunächst ein Blick auf Detroit, „Motor City“, auf den so genannten „Rust Belt“, d.h. auf die andere Seite der Lebenswirklichkeitseffekte von „komparativen Kostenvorteilen“ und „Abwanderung des Kapitals dorthin, wo es am profitabelsten ist“, auf die Distribution gesellschaftlich produzierten Reichtums und gesellschaftlicher Teilhabechancen. Es geht um die Realität von Armut und Reichtum als Quellen gesellschaftlichen Sprengstoffs, um den seit 30 Jahren andauernden Witz des „Trickle-down“Effekts, um die kollektive Tellerwäscher-Ideologie und die dabei immer weiterwachsende Kluft zwischen der Lebenswelt der kulturellen-wirtschaftlichen-politischen Eliten einerseits und dem Rest der Bevölkerung andererseits, eine Kluft, über die scheinbar kaum noch eine Brücke reicht. Und letztlich um Fragen der angeblich schwindenden politischen Gestaltungsmacht des Nationalstaates im globalisierten Kapitalismus.

Die Pointe ist natürlich, dass der ausbeutende „blue-collar billionaire“ Trump ganz gewiss keine konstruktive Antwort auf all das ist, nicht sein kann und nicht sein wird. Aber vielleicht ging es vielen Wählern im Grunde genommen auch gar nicht um eine konstruktive Antwort. Eher im Gegenteil. Sondern – um es mit Michael Moores harschen Worten auszudrücken – schlichtweg um ein „big fu*k you“ an der Wahlurne nach 30 Jahren post-Reagen. Ein Protestausdruck, der sich einfach nicht anders weiß wirkungsvoll nachhallendes Gehör zu verschaffen in der „repräsentativen Demokratie“. Am Ende schien dann aber selbst Trump über seinen Wahlsieg erstaunt zu sein. Gegen Bernie Sanders hätte er keine Chance gehabt. Auch letzteres sollte aufhorchen lassen.

Vorgestern hatte ich von Leserbriefen im Guardian berichtet. Nun hat sich eine muslimische Ex-Mitarbeiterin des Wall Street Journal bei der Washington Post als Trumpwählerin geoutet und ihre Gründe genannt: https://www.washingtonpost.com/…/im-a-muslim-a-woman-and-…/…

Auch eine prominente Kongressabgeordnete der Demokraten, Debbie Dingell, hat sich lesenswert zu Wort gemeldet: https://www.washingtonpost.com/…/0e9521a6-a796-11e6-ba59-a7…

Im Guardian sind die Beitrage von Thomas Frank empfehlenswert und interessant. Er liefert gute Hintergründe und Analysen zur US-Wahl und politischen Kultur der USA (https://www.theguardian.com/profile/thomas-frank). Die Onlinepräsenz des Guardian ist trotz des Rücktritts des ehem. Chefredakteurs Alan Rusbridger nach wie vor kostenlos.

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